24. September 1984

Sehr verdrehte Frau Majonnaise,

kürzlich richteten Sie einen Appell an Ihre Fußtruppen. Ich ließ einmal das Abendbrot ausfallen und machte mir diesbezüglich Gedanken.

Dafür muss ich bedingt ausholen und fange beim Verstand an. In diesem Wort steckt „Stand“. Mir erscheint es handelt sich dort um einen Standpunkt. Da wir alle Individuen, sprich Einzelwesen, sind, komme ich zur erhellenden Einsicht: es gibt deren viele! Jetzt steht die Silbe „Ver“ davor. „Ver“ finden wir auch in verdreht, verloren, verbinden, usw. und es handelt sich wohl um eine dynamische Struktur, die uns herausfordert. Die Urform von „ver“ ist „per“ und dieses bedeutet „Hinausführen-über“. Ja, das fordert!

Was könnte wohl damit gemeint sein?

Dann denke ich noch an die Redensart „den Verstand verlieren“. Hier sagen wir auch „jemand hat nicht alle Tassen im Schrank“ dazu. So was finde ich ja auch schon mal menschlich und oft stehen ja die Tassen noch mit Kaffee auf dem Tisch oder in der Spülmaschine. Oder man macht mal sauber und räumt auf! Danach kommen die aber wieder in den Schrank, sonst wird es schnell unordentlich. Manch einer sitzt den ganzen Tag im Büro und hat vielleicht gar keine Tassen, also eigene. Mal ist er für diese, dann ist über Nacht eine neue im Sortiment. Kann ganz schnell passieren, einfach ausgetauscht. Fällt dem Menschenkind vor lauter Arbeit auch gar nicht mehr auf. Soll auch schon passiert sein.

Und kommen wir final zur Vernunft.

Ich sehe das so, es ist mein Standpunkt: Vernunft bedeutet, ich kann einmal von meinem Standpunkt ablassen und wechsel zu einem anderen, den meines Gegenübers oder Mitmenschen. Denn, dass wissen wir ja, es gibt deren viele. Ich, und jetzt kommt dann noch die Empathie mit ins Spiel, denke und fühle mich einmal in einen anderen Standpunkt hinein und überlege, denke nach. Man muss sich ja auch nicht immer so wichtig nehmen, so final, so absolut.

Letztendlich ist der Verstand auch nur ein Lenkrad und das Herz der Motor. Bin ich vernünftig, so laufe ich auch einmal in den Schuhen meines Gegenübers und komme zur folgenden Erkenntnis: das hat auch seine Berechtigung. Ich muss es nicht immer verstehen, ich finde die Schuhe vielleicht auch unbequem und nicht so passend, kann es aber getrost so stehen lassen. Ich habe einen Standpunkt, der andere hat einen Standpunkt und zusammen gehen wir unserer Wege.

Jetzt wundere ich mich über Ihre Durchlauchtigkeit!

Ich habe Sie leider oder Ihresgleichen auch noch nie im Supermarkt oder auf der Straße oder auf einer gemeinen (im Sinne von communis) Versammlung getroffen, so daß wir einmal die Schuhe oder Tassen hätten tauschen können. Nur mal so zum Ausprobieren. Ich verstehe auch Ihre verdrehte Erhabenheit mit der geschwätzten Ansprache nicht mehr. Kann es sein, das Sie da etwas verwechseln und Ihren absoluten Standpunkt einfach für einen allgemein gültigen verhandeln ohne sich einmal Gehör der Fußtruppen verschafft zu haben?! Wenn das so sein sollte, dann appelliere ich einfach an Ihre verdrehte Durchlauchtigkeit:

Kommen Sie zur Vernunft!

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