ein Tag in Deutschland anno 1984

Als Mutter trage ich eine Verantwortung und stehe in Vollmacht. Deshalb und auch nur deshalb und weil ich mir morgens gerne im Spiegel begegne, trage ich einen Zettel in das Sekretariat. Auf diesem steht, dass ich keine Tests an meinem Kind zulasse, dem widerspreche. Das ganze ist, weil nun mal mein Vertrauen weg ist, natürlich vom Rechtsanwalt bestätigt. Auch das ist meine Pflicht, mich einmal rechtlich aufzuklären.

Dort bin ich ein Fremdkörper, im Sekretariat. Der erste Herr liest den Zettel und verweist auf die noch fehlende Bürofachkraft. Dieser drücke ich nach Ankunft den Zettel in die Hand mit der Bitte um Bestätigung. Sie liest und es ist ihr anzumerken. Stimmt etwas nicht? frage ich. So etwas quittiere ich nicht, sagt sie, geht zum Herrn um die Ecke, Getuschel. Die Direktorin wird gerufen. Extra geholt aus dem Lehrerzimmer oder so. Anscheinend wurde sie über den Fremdkörper schon aufgeklärt. Mich sieht sie nicht, beachtet mich überhaupt nicht, liest sofort den Zettel. Sie versucht an sich zu halten, es gelingt ihr nicht. Ich lasse den minutenlangen Schwall immer noch sitzend vor dem Sekretariat über mich ergehen und höre einfach nur zu. Sie erregt sich recht eloquent und blickt dann zum ersten Mal auf. Es stellt sich heraus, sie weiß gar nicht mit wem sie redet. Neben mir ist noch ein Mensch und sie sucht ihren Ansprechpartner. Interessant. Dann stehe ich auf und sage  folgenden Satz: Ich bin Mutter und treffe Vorsorge, weil ich die Verantwortung habe und in meiner Vollmacht hier stehe. Das ist meine Pflicht. Daraufhin muss ich mir in oben beschriebener Art und Weise anhören, was sie davon hält, von solchen „Randgruppen“. Sie handle nach strikter Anweisung und den Vorgaben, das mit dem Rechtsanwalt ist ihr wohl zu viel. Ihre Meinungen, ihre Ansichten! Hat sie alles schön runtergerattert und ihr Köpfchen dabei geschüttelt, hinter der Glaswand, nimmt den Wisch, denn so wird er jetzt angepackt, wirft ihn auf den Schreibtisch der Sekretärin und ich sage: ich diskutiere gar nicht mit ihnen, ich gebe nur einen Zettel ab. Daraufhin dreht sie sich um und verschwindet in ihr Büro. Toller Dialog, sage ich und bin mir jetzt ganz sicher: der Zettel, mein Anliegen, ist 100% berechtigt, aber so was von!

Danach gehe ich einkaufen, mal eben schnell. Den Feudel trage ich nicht, weil es meiner Gesundheit schadet. Eine Angestellte sieht´s und ranzt mich an: Maske auf! Nein, Danke, sage ich. Dann dürfen Sie hier nicht einkaufen! Ich habe eine ärztliche Bescheinigung und bin davon befreit, antworte ich. Die müssen Sie zeigen! Nein, sage ich, denn dazu sind Sie nicht befugt. Daraufhin denunziert Sie mich beim Filialleiter, der auch dann prompt an der Kasse steht und mein Attest sehen möchte, weil sonst Hausverbot. Ich sage, dass das gegen das Antidiskriminierungsgesetz verstößt. Hä, was´n das?, kommt als Antwort.

Er hielte sich an die Regeln, weil er sonst Strafe bezahlen muss.

Ja, denke ich, hatten wir alles schon mal. Fällt euch das eigentlich nicht auf?

Ich frage die Angestellte, wie sie sich denn so fühlt, wenn sie denunziert? Wie fühlen Sie sich? Höhnisches Lachen. ICH bin chronisch krank, sagt sie.

Und das alles in nur einer Stunde.

Mein Opa hat alles mit ins Grab genommen, schwer traumatisiert. Es waren Nachbarn 1937, die wegschauten, es waren Ärzte, die ihm sein Todesurteil ausstellten, einem 10jährigen Kind!, es waren Denunzianten und Juristen? Ja, wo waren die eigentlich? Er hat nie ein Wort über all seine Leiden geäußert. Seine Enkelin hat sich auf den Weg gemacht und ist auf alles gestoßen. Ich nehme mir hier kein Blatt mehr vor den Mund. Es reicht, was ihr hier anstellt. Schämt euch, verdammt nochmal. Schämt euch! Und eins kann ich euch sagen, was ihr hier anrichtet geht bis ins dritte/vierte Glied. So viel Schuld bürdet ihr euch auf.

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