13.Februar 2021

Ich blättere im digitalen Grimm und anderen Wörterbüchern.

Im Unterricht hatte ich ja oft meine Not, verstand nicht, was dort erzählt wurde. Vieles musste ich durch stetiges Schleifen auswendig lernen. Hat viel Kraft gekostet. Ich tat mich schwer, die Inhalte in mich hinein zu lassen. Deutsche Sprache, schwere Sprache. Du lernst eine Regel, die noch recht einleuchtend ist und dann kommt eine Ausnahme. Es ist alles in Ordnung bis eine Verordnung kommt. Es passt alles, bis dir einer sagt:

gut – besser – am besten

Der Mensch kommt auf die Welt und er ist gut. Es passt.

got, guot, god, engl good

Güte, Gnade, Würde, Heil, Freude, Wonne, Wohlbefinden, Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, Habe, Besitz, Leben, Dasein, das Beste, Segen, groß, tauglich, lieb, freundlich, und noch viel mehr

ähnlich ist das Wort Gott

Ja, mit Hakennase, Stupsnase, Segelohren, kurzen oder langen Gliedmaßen, Köpfen, Leibern, mit Hautfarben und Geschlecht, mit Stimme. Zart, kräftig, stabil, dick oder dünn, mit Dialekten, kurz: mit individuellen Merkmalen ausgestattet. Gut. Gut. Gut. Nicht mehr und nicht weniger. Gut lässt sich nicht steigern. Vollkommen ist vollkommen. Sogar wenn Mensch dabei verstirbt ist es gut, weil zum Leben einfach nun einmal der Tod gehört. Ja, auch der Tod ist gut.

Kann man, ließe man es so stehen, aber nix dran ändern und überhaupt gar nix verdienen.

Also kommt besser und am besten. Auch, wenn es die Regel sprengt. Ist halt besonders. Anscheinend war „gut“ langweilig.

besser, am besten

Das Gegenteil ist böse, böser, am bösesten

bezzer, bezzeste und boeste, boeseste

Im Digitalen Grimm unter „böse“ nachgesehen: „Da der beste und böste gegensatz bilden, musz man auf seiner hut sein, beide nicht zu vermengen, wie bei der schreibung böste für beste geschehen könnte…“

Man stelle sich das einmal vor! Jemand hat das vielleicht durcheinander gebracht? besser heißt böser.

So manche Besserungsanstalt wäre am Ende. Da ja unser einer mit seiner Geburt gut ist, bräuchte er keine Noten! Wie willst du denn gut noch benoten? Einer, der mit seiner Geburt alles hat, Vollausstattung!, braucht doch gar nix mehr. Außer, man lockte ihn mit

Gut ist nicht gut genug! Du kannst doch noch besser sein! Nur das Beste für´s Kind. Am liebsten das Beste. Das Beste für die Gesundheit. Mutti ist die Beste! Du bist nicht gut genug.

Egal was ist: du bist im Mangel, nicht zufrieden. Gut ist die kleine Schwester von geht so grade noch, so eben. Das hast du aber gut gemacht! Was?! Nur gut? Und dann führen wir Krieg, wollen kriegen.

Irgendwann ist irgendetwas passiert und man hat den kleinen Heidenkindern die Regel beigebracht: gut – besser -am besten. Alles ist Wettbewerb, auch das Lernen solcher Regeln. Und wer das nicht versteht, ist halt bisserl zurückgeblieben. Wird dir der Lehrer schon beibringen und gleichzeitig auch allen beisitzenden Zöglingen: Schaut mal! Hier versteht einer nicht, dabei ist die Regel doch ganz einfach. Setzen! 6!

Dreht euch nicht um
denn der Plumpsack geht herum
Wer sich umdreht oder lacht
kriegt den Buckel voll gemacht

Und wir lernten die heiße Kartoffel schnell weiter zu reichen. Bloß nicht auffallen, sich umdrehen, hinterfragen! Und wurden stetig kontrolliert. Solange bis wir uns gegenseitig kontrollierten. Lernt man ganz schnell in der Schule. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!

Wir sehnen uns alle nach besser und am besten sein, nach besserer Gesundheit, besserer Politik, besseren Noten, besseren Abschlüssen, besserem Essen, besserem Wissen, besserem Leben. So sehr, dass wir vergaßen einfach erstmal bei gut anzukommen.

Am Anfang war alles gut und wir können immer wieder dort anknüpfen, zurück. In Wahrheit sind wir alle heil, ganz und gesund, unberührt. Wir müssen uns nur daran erinnern. Erinnern heißt sich durch Schichten von Angst, Scham und Schuld durch zu wühlen. Alles Dinge, die man uns auch eingeredet hat. Wir haben es gelernt und wurden erzogen. Unsere Eltern, Großeltern und die ganze Ahnenreihe herunter. Ist allen passiert.

Und ich lache! Jetzt gerade wird mir bewusst

ich, Heike, Heidemarie Glückskind, aufgewachsen in der Stadtheide, an der Thun-e, wild, weit, unverschämt, frech, eigenartig, unbezähmbar, Tiger mit Krallen, beweglich, unterwegs, kraftvoll

bin hier! War hier und werde immer sein. Ich seh mich, ganz deutlich.

Deine Meinung interessiert mich nicht. Ich verlerne meine Meinung, eine zu haben. Lehrer haben Meinungen, Meister haben Erfahrungen, bemeistern. Es wird nicht diskutiert. Die meisten Programme der Zersetzung, Vernichtung habe ich bemeistert. Je mehr ihr versucht, desto mehr finde ich mich selbst. Und dort angekommen muss ich nichts mehr krieg-en, weil ich schon alles habe.

Druck auf Lanavanguard, „wildes Feld“, 2021

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.