14. September 2020

Warum gibt es so viel Böses in der Welt? Und warum wird das Böse von so vielen unterstützt? Und vielleicht ist die zweite Frage auch noch die Antwort auf die erste. Die aktuelle Zahl derer, die das Böse antreibt, ist weit geringer als die derer, die entweder mitmachen oder es zulassen. Die Anführer der Nazi-Greueltaten zählten um die 100 000. Aber die Anzahl derer, die diese Taten zuließen oder mitmachten, ging in die Millionen.

Warum aber lassen wir das Böse zu? Warum wehren wir uns dagegen, den Schmerz des Opfers wahrzunehmen? Warum haben wir nicht nur kein Mitgefühl für die Opfer sondern glauben sogar, Mitgefühl für das vermeintliche Leid der Täter haben zu müssen? Warum liefern wir uns selbst den Tätern aus? Ist es deshalb, weil wir das eigene Selbst hassen, weil es zum Opfer gemacht wurde, wir dies aber nicht wahrhaben dürfen und wollen? Bestrafen wir unser eigenes Opfer in extenso, um unsere eigenen vermeintlichen Sünden hinweg zu lügen? Das hieße, das wir uns schuldig fühlen für die vermeintlichen Schwierigkeiten, die unsere Eltern mit uns hatten, zu einer Zeit, als wir unser eigenes Selbst noch besaßen.

Meistens ruht dieses Opfer in uns, solange wirtschaftliche Not und politisches Chaos uns nicht bedrohen. Es erwacht aber in Zeiten der Not und des Chaos. Dann erwacht dieser unbewusste Hass auf uns selbst, den wir loswerden müssen, um unseren Selbstwert zu stabilisieren. Ideologische Interessensgruppen machen sich diese Reaktion sehr gerne zu nutzen…..So steigt der Hass auf jene, die von den tatsächlichen Bösen zu offiziellen Opfern erkoren werden. Der Glaube an eine neue Gemeinschaft und die Sehnsucht nach Hingabe an ein größeres oder höheres Allgemeines ist bezeichnend für Menschen, denen ihr eigenes Selbst genommen wurde, die aber doch nach etwas suchen, das ihnen und ihrem Leben Sinn gibt. Da sie aber das Opfer in sich selbst nicht anerkennen dürfen, bleiben sie in der Notwendigkeit, Opfer für ihren Hass zu finden.

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Ein Mensch gilt dann als schwach, wenn er Bedenken äußert oder auf Gefahren hinweist. Lächerlich, geistesgestört, überreagierend, nicht ganz dicht – das sind die Prädikate, mit denen diese Menschen dann ausgestattet werden.

Genauso geht es einem Kleinkind. Um weiter leben zu können, wenn das Eigene nicht anerkannt wird, muss ein Kind sich selbst aufgeben und sich die Erwartungen seiner Eltern als die eigenen einverleiben, weil die Situation sonst vom Seelischen her als lebensbedrohlich gefährlich werden könnte. „Nur durch diese Mechanismen der Verneinung“, schreibt DesPres weiter, „war es dem Menschen möglich, das (resultierende) Chaos bewohnbar und sich selbst zum Herrscher der Welt zu machen“. DesPres erkannte, dass der Verlust des eigenen Selbst die Quelle des Machtstrebens ist….

Arno Gruen aus Dem Leben entfremdet

Warum wir wieder lernen müssen zu empfinden

Jetzt gibt es da noch eine sehr wichtige Sache, die erwähnt werden sollte. Fällt man aus seiner Mitte, so kann man rechts oder links hinabstürzen. Vom Bösen gibt es also zwei!

Es kann passieren, wenn wir davon ausgehen, dass das Böse nur eine Seite hat, dass wir uns von rechts nach links flüchten, auf die vermeintlich gute Seite. Es kann helfen, wenn man sich beide Seiten des Bösen einmal genau anschaut.

Was ist eigentlich die Mitte?

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