19.November 2020

Um 3.45 Uhr klingelt der Wecker, die Entscheidung spontan, die Menschen fremd. Wir fahren und nach 2 min ist schon keiner mehr fremd.

Irgendwo in der Pampa machen wir Rast. Ich komme aus dem Gebäude und sehe Gruppen von fremden Menschen, wir zeigen Gesicht. Wir sehen uns in die Augen, erkennen einander und ein breites Lächeln erstrahlt. Ich spüre Tränen der Freude! Nach so langer Zeit der Trockenheit, der Enttäuschungen, Abschiede nun das. Und es ist unbeschreiblich. Menschen unterschiedlichster Berufsgruppen und Herkunft finden zueinander, sind vereint. Die Raststätte wird zum Tempel. Wir wünschen uns alles Gute und wir sehen uns! rufen wir zum Abschied.

Vor dem Tor gehen wir spazieren. Wieder Menschen, bunte Mischung, singend, sitzend, spazierend. Jung, alt, ein junges Paar mit Baby aus Sachsen, und noch viel mehr. Alle eint ein Bestreben und es ist friedlich und Platz für jeden. Wir spazieren einander vorbei, reden und grüßen. Als ein kleines Vögelchen uns sagt, es sei eine Falle, gehen wir. Ich mag Fallen nicht, das gehört nicht zu meiner Aufgabe. Es dauert, bis wir das Schlupfloch finden, überall Wege versperrt.

Vor dem Gebäude der Wahl ist nicht viel los. Einer sitzt am Baum und meditiert. Wir sehen Bürger in Uniform auf großen, eleganten, kräftigen, edlen Pferden. Eine polnische Rasse verrät mir die junge, freundliche Reiterin. Kinder streicheln und für einen Augenblick bin ich auf einem Tag der Berufsorientierung oder so. Ich denke auch an Opa, der mit 17 Jahren in der berittenen Kavallerie in Österreich zum Kriegsende Verletzte barg. Ob er auf solchen Pferden ritt? Nie hat er von seiner Leidenschaft zum Pferd erzählt. Er konnte sehr gut mit Pferden, sagte der Onkel. Das wusste ich gar nicht und mit dem Verlust seines Beines muss wohl auch seine Leidenschaft verloren gegangen sein. Der Reiter ganz links beugt sich auf einmal vor und legt seine Arme um den Hals seines Partners. Das Pferd ist ein wenig unruhig und er flüstert ihm liebevoll ins Ohr. Das berührt mich so tiefen Herzens, dass mir schon wieder Tränen kommen. Das Pferd entspannt und lässt unter sich. Wir gehn weiter, im Rücken lautes Getöse, Geschrei. Als wenn ein Krieg tobte.

Wir müssen sehr weit laufen, jede Brücke ist blockiert. Sehr weit. Auf der letzten Brücke am Bahnhof stehen wir und reden mit enttäuschten Menschen. Ein kleiner Mann im alten Mantel, Revers dreckig, bespuckt, bleibt stehen und sagt drei Sätze. Diese Sätze, biblischen Ausdrucks, wohlgewählte, ausdrucksstarke Worte in einem lyrischen Gesang treffen. Die Wahrheit, so klar, so einfach. Mir bleibt der Mund offenstehen und ich staune, erkenne. Dieser Mann, auf der Straße lebend, hat es schon immer gesehen, gewusst. Das ganze Malheur der Welt, in der ich lebe, wird mir schlagartig bewusst. Ich fühle mich ihm sehr verbunden und weiß und doch habe ich es so noch nie gefühlt. Wie kann das passieren?! Wir sind eins. Er und ich. Wir tigern umher und reden komisch. Für andere in fremden Zungen. Einzig und allein unser Auftreten und die Art zu leben unterscheidet sich.

Am letzten Platz angekommen ist die Luft raus. Der Hüftbeuger schmerzt, in den Beinen so viel Anspannung. Es wird noch geredet und sie haben entschieden, für sich allein. Auf der stillen Rückfahrt in der S-Bahn geht eine Frau an uns vorbei, gesichtslos und sagt: „Ich wünsch euch noch eine schlechte Rückreise!“ Sie spukt es aus, ich hab´s nicht erwartet, bin erschrocken. So viel Hass.

Zerschlagen komme ich an und überlege, was das Gute ist am Tag. Wie gehen die Menschen in Uniform mit diesen Eindrücken um? Friedliche, freundliche Menschen auf der einen Seite und auf der anderen, berichteten Seite? Wie liegen sie heute im Bett, lassen den Tag Revue passieren? Wie passt das zusammen?

Möget ihr den Mut finden. Ich weiß, wie schwer das scheint, wie schmerzvoll das ist. Möget ihr den Mut finden!

Ich achte eure Energie, eure Kraft und eure Freiheit.

Ich achte meine Energie, meine Kraft und meine Freiheit.

Am Morgen fragst du mich, ob ich jetzt wütend sei? Nein, sage ich, ich bin so traurig. Ich bin so müde und mir ist speiübel.

aus „Made in Germany“ 2018 ->Portfolio

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.