25. Juni 1984

Enteignung, entlehnt aus frz. expropriation, zu lat. proprius „eigen, eigentümlich“

Vor einigen Jahren habe ich mich auf den Weg gemacht und versucht, den Dingen, über die immer geschwiegen wurde, auf den Grund zu gehen. Einfach ist das nicht, zumal hier am 27. März 1945 ordentlich Feuer gelegt wurde. Aber das ist eine andere Geschichte.

Meinem Urgroßvater und seiner Frau müsst ihr wohl ihr Eigentum entzogen haben. Soweit ich es überblicke, lag es in der Kernstadt von Paderborn und betraf auch ein Fuhrunternehmen. Warum? fragte ich. Die Antwort: Der hatte etwas gegen Hitler.

Sie müssen sich wohl eine notdürftige Bleibe errichtet haben und dann kam der Rest: Entzug der Kinder, vier an der Zahl (woran das letztgeborene Mädchen verstarb in diesen armseligen Verhältnissen?). Das Mädchen durfte nach Hause, den Jungen entzog man ihre Integrität. Das war schon 1937 und das Heim, in das man sie steckte, verließen sie bis zum Kriegseinsatz nimmer mehr. So hatte man auch gleich passendes Material zum Kriegseinsatz. Vorher kam noch Arbeitsdienst. „Er kann, wenn er will“ steht in Opas Akten, da war er 11 oder 12 Jahre alt. Ins Heim kam er schon mit 10 Jahren. Einer verstarb und kam nie wieder.

Was hat man ihnen noch entzogen? Wie benennt man es, wenn sozialer Verrat vorliegt, wenn Menschen sich gegenseitig fertig machen, sich verachten, wegsehen, mit dem Finger auf einen zeigen und sagen: mit denen stimmt was nicht?

Hatten halt die falsche Einstellung damals, oder?

Nun, ich sehe mich hier nicht als Opfer oder klage an. Das Eisen wird nicht angepackt. Einzig und allein will ich doch hier mal etwas sagen, was ihr, man, wir, wer auch immer, lange Zeit unter den Teppich gekehrt habt und in euren Geschichtsbüchern ordentlich verdreht.

Mein Opa, Invalide, auf einem Bein, das er mit 17 Jahren verlor, hat hier auf jeden Fall als Maurer angepackt. Eine enorme Leistung. Er baute eure Häuser und Stadtmauern. Arbeit hatte der genug und fast hätte er von seinem Stumpf, entzündet und wundgescheuert, noch mehr verloren.

Deine Schuldzuweisungen kann ich in keinster Weise nachvollziehen! Und so nach und nach schwante es mir, wir hier gearbeitet wird.

Sie entziehen dir das, was du aufbaust, wenn du nicht in der Spur läufst.

Sie entziehen dir dein Geld, dein Eigentum, deine Existenz, deine Kinder, deine Gesundheit, dein Recht auf Selbstbestimmung und -verwirklichung, Würde und deine Integrität, deine Bildung, deine Arbeit, dein Recht auf Freiheit. Ganz langsam wirst du wie der Frosch im Wasserbad gekocht und die Krähen sitzen dem bei und schreien: Selber Schuld!

Ist aber auch egal. Solltest du in der Spur laufen, dich fein angepasst haben an die fortlaufende Knechtschaft und denkst: na, da bin ich wohl fein raus? Obacht, falsch gedacht.

Vor allem nutzen sie folgenden Terror: Angst. Kopfgrippen, Mentalpandemien. Das funktioniert. 100%.

Jetzt frage ich mich und auch dich:

Was muss denn noch passieren, dass du endlich aufstehst, dich gerade machst, dein Joch abstreifst?

Und, damit das klar ist, so glaube ich doch an einen Seelenplan und an eine Mitverantwortung: bleib friedlich und in deiner Mitte. Lass dich nicht versuchen und schmeiß nicht mit Steinen. Wir sind damit verstrickt und laufen hier, der eine mehr, der andere weniger, im Stockholm-Syndrom-Fieber mit, in einem besetzten Land, ohne Friedensvertrag. Einzig und allein: Licht. Bewusstwerdung. Wahrheit. Freiheit. Erlösung.

Werdet solidarisch und helft einander. Sieh die Individualität des Gegenübers. Es ist ein Teil von dir.

Und sie werden nicht mehr frei 1937

Bild I/V

Im übrigen tut es weh, wenn man jahrelang verbogen durch die Weltgeschichte lief und plötzlich gerade steht.

Wachstumsschmerzen. Es kann auch zu einer Erstverschlimmerung kommen. Das Licht aber lässt sich nicht weg sperren, niemals! Und ihr habt längst verloren…

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