(Emily Bronte)

29.Dezember 2020

7 x 7

= 49

oder feiner Sand

Was lustig klingt, ist lebendige Tatsache.

Die 7 Schmerzen/Freuden Marias, 7 Engel, 7 Posaunen, 7 Laster/Tugenden, 7 freie Künste, 7 Tage, 7schläfer, das verflixte 7.Jahr

geht jetzt auch zu Ende, mit einem Paukenschlag. Alle 7 Jahre Erneuerung und Wandel.

Tiger oder Ziege?

Ein hungriges Tigerweibchen, das trächtig war, stürzte sich auf eine Herde Ziegen; dabei trieb die Gewalt des Ansprungs ihm die Frucht aus dem Leibe. Aber die Tigerin konnte ihren Wurf nicht nähren, sie starb alsbald an Entkräftung. Das Neugeborene schien verloren, aber die Ziegen, die nach dem Schrecken auf ihre Weide zurückkehrten, nahmen sich seiner an und zogen es mit ihrer Milch auf. Es wurde unter den Zicklein groß und lernte ihre Sprünge, es lernte Gras und Kräuter fressen und meckern wie sie.

Es war schon groß geworden, da brach einmal ein starker Tiger in die Herde; sie stob auseinander, indes er eine von ihnen zerriss, nur das Tigerjunge blieb verdutzt und furchtlos zurück. Der große Tiger verwunderte sich über den kleinen, wie er blöde dastand, verlegen einen Grashalm rupfte und wie eine Ziege meckerte. Er packte das sonderbare Wesen und schüttelte es, wie um das Wahngebilde zu zerstören, aber das trughafte Geschöpf blieb ein Tigerjunges, das wie eine Ziege schrie.

Da schleppte er das zappelnde Ding an einen Teich, stellte es neben sich an den Rand und hieß es in den Spiegel blicken. „Schau dein Bild im Wasser an — bist du nicht ganz wie ich selber? Was bildest du dir ein, eine Ziege zu sein, meckerst und frisst Gras?“ – Aber der junge Tiger vermochte dem alten nicht in seiner Sprache zu antworten, er starrte nur immer auf das doppelte Spiegelbild im dunklen Wasser und meckerte zaghaft.

Da schleppte ihn der Alte zu seiner Beute und bot ihm ein blutiges Stück davon, „Nimm das und iss!“ Aber der Junge verweigerte es und meckerte ängstlich. Da zwang der Alte es ihm zwischen die Zähne und wachte, dass er es kaute und verschlang. Mit kläglichem Meckern würgte er die ersten Bissen der ungewohnten Kost hinab, bald aber fand er Geschmack am Blut und fraß den Rest mit einer Lust, die seinen Leib wie ein Wunder durchdrang. Er leckte sich die Lefzen, erhob sich und gähnte mächtig, wie einer der aus tiefem Schlaf erwacht; er streckte sich, sein Schweif peitschte den Boden, und aus seiner Kehle brach das Brüllen des Tigers. „Weißt du jetzt, dass du bist wie ich?“ sagte sein Lehrer zu ihm, „komm mit mir in den Dschungel, du sollst lernen, der Tiger zu werden, der du schon immer warst.“

Heinrich Zimmer, Weisheit Indiens. Märchen und Sinnbilder

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