03.März 2021

Tagebucheintrag einer Fastenden. Seit Jahren keine Glotze, kein Radio und nun keine Informationen mehr.

Es geht sogar noch weiter mit der Fasterei. Ein Jahr ohne Zeitmesser und Handy. Ich habe es überlebt!

Es ist nun auch ca. ein Jahr her, da geriet ich in eine für mich gefühlt lebensbedrohliche Szene, gleich einem Theaterstück. Da ich all diese Schreckensbilder nicht sah, war ich frei von einer konstruierten gedanklichen Vereinnahmung, einer schlimmen Kopfgrippe. Jahrelang besuchte ich meinen Lieblingssupermarkt, war Stammkundin und wir alle waren uns bekannt (so meinte ich). Schon auf dem Parkplatz bemerkte ich eine Irritation, denn die Menschen verhielten sich gereizt. Beim Betreten der Kaufhalle Securitykräfte und in mir eine Stimme, die warnte: hier ist es gefährlich!

Ich bin da durch, wie immer, also leicht und mit einer guten Grundstimmung. Der Vorteil einer jahrelangen Treue: ein Gefühl von Sicherheit. Man weiß, was einen erwartet. Habe ich geglaubt! Denn über Nacht hatte man die Versuchsanordnung im Labor geändert und rote Striche auf den Boden geklebt. Ich habe sie nicht gesehen, wahrgenommen. Genau aus einem Grund und der steht oben. Ich hörte, das es bei den Amischen auch keinen Virus geben soll, genau wissen tue ich es aber nicht. Eigentlich war ich durch das Verhalten der Mitmenschen mittlerweile so irritiert, abgelenkt und beschlagnahmt, dass mir beim Anstellen an der Kasse folgender Fehler passierte: ich stand über der Linie!

Die Kassiererin denunzierte laut, Ey! Sie!, die Kunden vor mir wünschten mir „die Pest an den Hals“, O-Ton: es gibt Menschen, die haben den Virus verdient! Dann der Ruf nach Security und dem Marktleiter, den ich nicht wieder erkannte. Alle beteiligten in diesem Schauspiel sahen weg, niemand schaute mir in die Augen und es passierte folgendes: eine schlagartige Überflutung von Körperempfindungen! Massiv. So starkes, wildes Herzklopfen und wummern, das ich glaubte, öffnete ich den Mund, es würde mir vor die Füße fallen. Ich schrumpfte und wurde zu einem Strich, verschwand. Große Hilflosigkeit, der Schreck fuhr mir in die Glieder und eine Ohnmacht, eine große Ohnmacht. Vernichtung pur. Wegmachen. Alles, was vorher vertraut und sicher erschien, war es nun nicht mehr. Ich erkannte niemanden mehr. Sie hatten sich über Nacht verwandelt und ich starb. So fühlte es sich an. Ich war geschockt und auf dem Nachhauseweg überkam mich Traurigkeit, nachher Wut. Wie kann man sich nur so verhalten?! dachte ich. Dann quälende Gedanken von „Warum ist mir das jetzt passiert?“ und „hätte ich das erkennen können?“, mich besser vorbereiten? Dann eine große Angst. Angst vor solchen Menschen, die sich so benehmen. Und aus dieser Angst heraus ein Schwur: diesen Laden werde ich nie wieder betreten, also meiden.

Lange Zeit hat mich das sehr beschäftigt. Was passiert dort und aus meiner Sicht und einer langjährigen Arbeit, einem gesunden Menschenverstand heraus, sah ich die Manipulation. Es war erschreckend zu beobachten, wie einst vertraute Menschen über Nacht mutieren, nicht mehr wieder zu erkennen sind. Wie sicher ist diese Welt, in der ich mich bewege? Vieles habe ich gedacht und geblaubt, alles stürzte zusammen. In mir formte sich ein Wunsch: mögen sie doch aufwachen!

Jetzt, mit einer Distanz und dem Nach-denken wird mir klar, da hat sich im Außen ein Nachspiel meiner Kindheit zugetragen. Zuerst, mit all diesen verstörenden Gefühlen, die ich als Kind nicht fühlen konnte, war ein klares Denken nicht möglich. Ich war der Analyse nicht mächtig. Es war die Angst, die alles verschleierte und blockierte. Und wenn ich ganz genau nach-denke, dann erkenne ich folgendes: es gibt eine Lücke zwischen einer Körperempfindung und dem Kopfterror, also der Angst. Und es ist der Wunsch nach Aufwachen im Außen, weil ich diese Angst nicht haben will. Nie wieder will ich in solch eine Situation kommen und deshalb sollen die doch bitte im Außen endlich aufwachen. Ein kindlicher Wunsch, ein kindliches Flehen nach starken Eltern, die sich nicht wie Kinder benehmen. Ja, ich wuchs mit Kindern auf und versuchte dort irgendwie zu helfen, zu ordnen und Frieden zu stiften. Das gelang mir früher schon nicht, hat mich tief beschämt und mit Schuldgefühlen belastet.

Es gibt einen Horrorfilm von Stephen King. Kinder des Zorns.

Selbst-ver-antwortung. Mein Selbst findet Antworten. Das ist ein Prozess und ich bin ja auch mittendrin. Ein jeder wird von schlimmen Ängsten geplagt und es scheint so, als bekämen wir alle unser Fett weg. Zuerst das Fühlen, dann die Analyse mit einem nüchternen Verstand. Beide zusammen, untrennbar. Und es braucht beides, weil ich sonst stecken bleibe.

Warum ich hier bin, was das alles soll und gerade in diesem römischen Dorf (Paderborn, erzkatholisch, finanzkräftigstes Erzbistum, Karl der Große), ist mir noch nicht klar. Ich weiß, dass es da etwas gibt.

In mir ein gallisches Dorf.

Im Außen gibt es nichts zu tun, zu verändern. Gehen Sie bitte weiter, hier gibt es nichts zu sehen.

One thought on “Tag 4

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