16. September 2020

Ich lebe im Untergrund, versteckt, bin heimlich.

Direkt willst du mich nicht sehen, das ist dir unangenehm.

Ich bereite Schmerzen und erinnere dich.

Du verhöhnst und verspottest mich, willst mich nicht haben, schließt mich aus.

Wer bin ich?

Wenn du über mich redest, dann in Adjektiven. Du sagst, ich sei fremd, anders. Irgendwie stehe ich immer im Weg und soll gehen. Am liebsten aus deinen Augen. Du verdrehst die Augen und lachst mich aus, wenn ich was sage, zeigst mit dem Finger auf mich.

Andere sollen sich meiner annehmen, das ist dir am liebsten und sehr viel Geld wert. Aus den Augen, aus dem Sinn. Wenn ich an deiner Tür klopfe, bleibt sie verschlossen oder du hast grad keine Zeit.

Ich soll mich unbedingt ändern und endlich, endlich still sein, mich anpassen. Ich verderbe dir die Laune. Ich soll es endlich verstehen: ich muss vernünftig sein und mich unterordnen.

Wer bin ich?

Du meidest mich wie die Pest und hast Angst vor mir. Ich darf erst wieder in deine Nähe kommen, wenn ich nicht mehr die bin, die ich bin. Du verhedderst dich in wilden Hypothesen und sagst, ich sei an allem Schuld. Du gestaltest ganze Konstruktionskataloge, dicke Wälzer mit vielen Fremdwörtern, die belegen sollen, dass mit mir etwas nicht stimmt.

Du schiebst mich so weit von dir weg und doch bin ich immer an dir dran, weiche dir nicht von deiner Seite. Du läufst, rennst, als sei der Teufel hinter dir her. Wild ruderst du mit deinen Armen, weigerst dich zu sehen und zu hören. Manchmal glaubst du, du seist in Sicherheit. Du siehst mich immer bei den anderen, weit von dir weg. So glaubst du. Und je mehr du mich nicht haben möchtest, desto näher bin ich bei dir.

Und irgendwann, jetzt oder morgen, wirst du aufwachen müssen.

Ich bin Du.

Du bist Ich.

Und das Problem war, dass wir nie miteinander redeten.

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