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Darf ich?

Es war einmal eine große Seele.

Sie reiste an in einem sehr kleinen Koffer.


"Ein Gepäckstück" Acryl auf Leinwand, 2018


Immerfort packte sich die Seele aus und wollte spielen, tanzen und singen.

Die Eltern jedoch sagten: "Warte noch. Du musst erst fragen, bist noch so klein."

Das betrübte die Seele und machte sie eng und sie fragte: "Wie lang soll ich warten?"

"Das können wir dir noch nicht sagen", antworteten da die Eltern, "aber, da du ja jetzt hier bist und dich gern einbringen magst, tu uns doch den Gefallen und sei artig und pass hier rein. Wir brauchen das gerade, damit es uns gut geht."

Es war eine liebe Seele und sie gehorchte.

Fortan ging die Seele zu vielen Menschen, die ihr alle sagten, sie sei noch klein und müsse erst fragen, aber, wo sie schon mal da sei, könnte sie doch den Menschen das Gefühl geben, wichtig zu sein. So ging sie zu Ärzten, Lehrern, Pfarrern, Erziehern, Verkäufern, Nachbarn und überall sagte man ihr

sie sei ein Verbraucher,

noch klein und sie müsse erst lieb fragen und warten, bis sie dran sei und still halten und irgendetwas sei an ihr noch nicht so weit, noch nicht fertig, noch nicht so richtig.

Es sei für sie viel einfacher, sie bliebe klein und so passte sie auch überall rein.


Die große Seele schnitt Scheibe für Scheibe von sich ab, machte sich klein, hielt sich zurück und versuchte überall reinzupassen.

So wuchs sie auf und niemand bemerkte, sie lebte bei anderen großen Seelen, die sich alle klein machten.



"Ich wäre lieber frei", Acryl auf Leinwand, vor 2018


In allem hielt sie sich zurück und wurde krank.

Überall fragte sie nach: "Wie werde ich wieder gesund?"

Sie ging zu vielen Menschen, die dort Hilfe versprachen.

Sie ging zu Ärzten, die sagten: "Nimm diese Medizin und du wirst gesund."

Aber, sie wurde nicht gesund.

Sie ging zu Gebildeten, die sagten: "Lerne meine Theorie und befolge sie."

Sie lernte und es half nicht.

Sie ging zu den Nachbarn, Freunden, die sagten: "Stell dich nicht so an! Wir haben das auch."

Sie hörte Politikern zu, die sagten: "Wir schaffen das!"

Sie fragte Heiler und Spirituelle, die versprachen: "Ich habe die Lösung und besondere Fähigkeiten und weiß mit meiner Methode dir zu helfen!"

Sie fragte und fragte und suchte und suchte, überall, dort draußen.

Und nichts half so wirklich.


Eins fiel der Seele auf. Immer, wenn sie anhob sich zu entfalten, zu spielen, bekamen die Menschen Angst und zeigten ein nicht mehr so freundliches Gesicht. So drehten sie sich und gingen, versuchten die Seele wieder zur Besinnung zu bewegen, stellten sich tot, ja, man glaubt es kaum, drohten mitunter gewaltreich.


Sie erlebte so viele ungeheuerliche Abenteuer,

man stelle sich das einmal vor!

Bis eines Tages, es war eigentlich kein besonderer,

sie sich anhielt, sich umdrehte, anschaute,

ja, in sich hineinfiel, und erkannte,

dass die Form nicht dem Inhalt entsprach!

Es war ihr, als sei dort ein großer Raum des Nichts.

Dieses Nichts war nicht nichts. Nein, es war ein volles Nichts.

Ein großer, stiller, weiter, tiefer, voller See.

Er war einfach so da, machte nichts, wollte nichts und brauchte auch nichts.

Und wie es so da war, konnte in ihm und auf ihm und durch ihm alles sein.

Einfach so Sein, wie es jetzt gerade so ist.

Und da waren Fische, Vögel und Wolken. Da waren Farben, Muster und Töne. Da waren Stimmungen und Eindrücke und Bewegungen.

Sie kamen und gingen, fortlaufend und der Himmel spiegelte sich auf der Wasseroberfläche.

Es kamen Wellen, große und kleine, und sie gingen.

Es fielen Dinge hinein und sie verschwanden.

Es stiegen Dinge hinauf und zeigten sich, bis sie wieder verschwanden.

Der See ließ alles so sein und blieb

still.

Es durfte alles so sein in diesem DaSein.

Er ruhte still und es war friedlich.

Vollkommen.

Er fragte nicht. Er suchte nicht.

Ja, es gab hier gar keinen.

Mehr war nicht.

Nie

Für immer


Hin und wieder schaut Jemand in das Niemand und spiegelt sich

manche schauen tief

versunken

abgrundtief

frag nicht








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